Bewegter Unterricht erfordert Umdenken!

Prof. Dr. Ralf LagingProf. Dr. Ralf Laging

Die Integration von Bewegung, Sport und Spiel in den Schulalltag ist zentraler Bestandteil von innovativer Schulentwicklung. Im ScienceKids-Interview erläutert Prof. Dr. Ralf Laging, Sport- und Bewegungspädagoge an der Universität Marburg, die Potenziale von
Bewegungsbildung in der Schule.

1. Viele wissenschaftliche Studien deuten darauf hin, dass Bewegung in der Schule einen positiven Einfluss auf Lernen und Verhalten von Schülern hat – woran kann man diesen Einfluss erkennen?
Einen positiven Einfluss wird man je nach wissenschaftlichem Zugang unterschiedlich beantworten können. So verweisen neurowissenschaftlichen Erklärungen auf die Zunahme an synaptischen Verschaltungen, physiologische Ansätze belegen eine bessere Sauerstoffversorgung durch Bewegung. Lernpsychologische Experimente unterstreichen die Bedeutung von Bewegung für die Bildung kognitiver Strukturen und phänomenologisch-anthropologische Ansätze stellen dagegen die handelnde Auseinandersetzung mit der Welt in den Mittelpunkt.
Lernende arbeiten in der Regel mit und in Bewegung konzentrierter und aufmerksamer – und dies geschieht vor allem dadurch, dass ihr Körper im ganzheitlichen Sinne in den Lernprozess einbezogen ist und nicht „ruhig“ gestellt werden muss. Wir haben es mit einem bewegten Lernen in einem bewegten Unterricht zu tun. Kinder behalten Dinge besser und nachhaltiger, wenn sie sich mit ihnen sinnlich-leiblich auseinandergesetzt haben.

2. Worin besteht der konzeptionelle Unterschied zwischen „Lernen mit Bewegung“ und „Lernen durch Bewegung“?
Lernen mit Bewegung zielt darauf ab, die Bewegungsaktivitäten als Begleitung eines Lernprozesses zu verstehen. Es gibt keinen direkten Zusammenhang zwischen der Bewegungsart und dem Lerngegenstand. Es geht nur darum, dass ich mich bewege. Ich lerne Vokabeln und gehe dabei spazieren oder hüpfe auf der Stelle. Durch die begleitende Bewegungsaktivität können beispielsweise Vokabeln besser behalten werden. Es ist ja eine durchaus alte Methode, beim Lernen umherzuwandeln.
In dem anderen Fall (Lernen durch Bewegung) geht es darum, dass sich der Lerngegenstand in der Bewegung erst entfaltet und erschließt. Wenn ich mich mit Geschwindigkeit in der Physik auseinandersetzen will, kann ich dies auch dadurch tun, dass ich Geschwindigkeit körperlich spüre und meine leiblichen Erfahrungen reflektiere und in Wissen „übersetze“ beziehungsweise die Erfahrungen mit Wissen durchziehe.

3. Wie äußert sich dieser Unterschied im Schul- und Klassenalltag? Bitte nennen Sie ein erfolgreiches Praxisbeispiel für „Lernen mit Bewegung“.
Der Unterricht findet über weite Strecken nicht mehr als Sitzunterricht statt, sondern in Bewegung. Die Aufgaben verlangen von den Schülerinnen und Schülern, dass sie aufstehen, verschiedene Lernorte aufsuchen, mit anderen Schülern gemeinsam etwas tun und Aufgaben mit begleitenden Bewegungsaktivitäten lösen. So können im Klassenraum oder auch außerhalb des Klassenraumes an den Wänden oder auf Tischen Aufgaben zur Grammatik oder Rechtschreibung verteilt werden. Die Schüler sehen sich die Aufgaben an, müssen sie sich merken und am Arbeitsplatz bearbeiten.
Eine andere Möglichkeit ist, dass Schüler verschiedene Lernstationen aufsuchen, an denen Aufgaben auch mit Bewegungsbegleitung zu lösen sind: Zum Beispiel geometrische Figuren mit dem Seil auf dem Boden legen (im Klassenraum, Flur oder Schulhof), sie mit einem Maßband vermessen, nach einem Maßstab verkleinern und ins Heft übertragen.

4. Bitte erklären Sie in einem zweiten Praxisbeispiel, wie „Lernen durch Bewegung“ in der Schulpraxis zur Anwendung kommt.
Wenn sich eine Klasse im Mathematikunterricht mit Strahlensätzen befasst und dafür auf dem Schulhof mit dem Försterdreieck eine Höhenbestimmung von Bäumen oder Gebäuden vornimmt, müssen die Schülerinnen und Schüler den Lerngegenstand und die sich darin stellende Aufgabe „Höhenbestimmung mit Strahlensätzen“ erst durch Bewegung selbst herstellen. Indem sie das Dreieck so halten und die waagerechte Entfernung zum Objekt abschreiten und vermessen, entsteht durch die Bewegung eine Aufgabe, die sich den Lernenden leiblich-sinnlich „aufdrängt“. Aufgaben stellen sich hier erst durch die Bewegungshandlung selbst.

5. Was bewirkt Bewegungsbildung bei Schulkindern?
Bewegungsbildung bedeutet im Sinne des klassischen humboldtschen Bildungsverständnisses eine Wechselwirkung von Empfänglichkeit und Selbsttätigkeit und nicht die Ausbildung der körperlichen Fähigkeiten in konditioneller und koordinativer Hinsicht. Es ist ein Prozess des Sichbildens in der Auseinandersetzung mit der Welt. Sichbewegen ist in diesem Verständnis eine Zugangsweise zur Welt. In Bewegung erfahren Kinder die Welt und sie erfahren etwas über die Welt und über sich in der Welt. Daher ist Bewegung eine ganz wesentliche Weise des Weltzugangs. Je geschickter und selbstsicherer Kinder sich bewegen können, desto größer sind ihre Möglichkeiten, die (Lern-)Gegenstände der Welt leiblich-sinnlich in Erfahrung zu bringen und nachhaltig in Wissen zu überführen. Bewegungsbildung ist in diesem Sinne integrativer Teil der allgemeinen Bildung von Kindern.

6. Was bedeutet es für Lehrkräfte, wenn sie mehr Bewegung in ihren Schul- und Unterrichtsalltag bringen möchten? Inwiefern sollten Lehrkräfte aus Ihrer Sicht ihren Unterricht umstellen?
Akzeptiert man die bisherigen Ausführungen, müssen Lehrkräfte ihre Unterrichtsorganisation und -gestaltung so ändern, dass es im Unterricht bewegt zugeht. Lehrwege und Methoden sollten sie so überdenken, dass sie möglichst viele Lerngegenstände mit und durch Bewegung verbinden. Dies verlangt eine Änderung des klassischen Unterrichtsbildes von einem Sitzunterricht. Hier ist also ein Repertoire an Möglichkeiten für Bewegungsaktivitäten im Unterricht erforderlich, das bisher nur selten Gegenstand der ersten und zweiten Ausbildungsphase war und ist. Die Unterrichtsgestaltung und das methodische Handeln können über das Medium Bewegung erheblich bereichert werden. Dies meint nicht, dass alle und alles permanent in Bewegung sind, es braucht ebenso die ruhigen Arbeitsphasen – es kommt auf den Wechsel von Ruhe und Bewegung im Lernen und im Klassenraum an. Das Verhältnis will wohlüberlegt und gestaltet sein.

Herr Laging, wir danken Ihnen für dieses Interview.

Filmtipp: „Bewegt den ganzen Tag“; Becker, Michel, Laging; Schneider Verlag, Baltmannsweiler 2008.
Der Film entstand in Begleitung einer „Studie zur Entwicklung von Bewegung, Spiel und Sport in der Ganztagsschule

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