Bemerkungen zur Erlebnispädagogik
Dr. Hermann Scheiring
Pädagogischen Hochschule Ludwigsburg Erziehungswissenschaft
1 Was ist Erlebnispädagogik?
Wenn wir uns die Frage stellen, was denn Erlebnispädagogik ist, so kommen uns schnell Begriffe in den Sinn wie Abenteuer, Klettern, Bungee-Springen, Kanu-Touren u.ä. Das ist sicherlich nicht ganz falsch und wir sind ja da in guter und bester Gesellschaft: Die Tradition ist lang und der Reformpädagogik verpflichtet, und spätestens seit Kurt Hahn und Prinz Maximilian von Baden das Landerziehungsheim Schloss Salem gründeten, ist Erlebnispädagogik in den engeren Dunstkreis von Bildung und Erziehung geraten. Es waren die „Verfallserscheinungen der Gesellschaft“, denen Kurt Hahn mit „körperlichem Training“, „Expedition“, „Projekt“ und „Dienst“ entgegentreten wollte. Und wie wir heute – nach 90 Jahren – wissen, sehr erfolgreich. Nach Kurt Hahn werden in der Erlebnispädagogik – oder Erlebnistherapie, wie er es nannte – die Elemente Natur, Erlebnis und Gemeinschaft pädagogisch zielgerichtet miteinander verbunden.
Erlebnispädagogik ist keine geschlossene, fein ausdifferenzierte Theorie. Aber es gibt so etwas wie einen Kernpunkt: Ausgangspunkt ist authentisches Erleben, das durch fokussierte Hinführung zur Lernerfahrung wird und schließlich zur Persönlichkeitsentwicklung beiträgt. Es geht um einen Lernprozess, der mit einem Erlebnis verbunden ist und bei dem das Individuum an der Herausforderung lernt. „Erlebnispädagogik ist eine handlungsorientierte Methode und will durch exemplarische Lernprozesse, in denen junge Menschen vor physische, psychische und soziale Herausforderungen gestellt werden, diese jungen Menschen in ihrer Persönlichkeitsentwicklung fördern und sie dazu befähigen, ihre Lebenswelt verantwortlich zu gestalten“ (Michl 2009). Erlebnispädagogik ist deshalb nicht Training in speziellen Sportarten, wie sie von kommerziellen Sportorganisationen angeboten werden. Sie ist auch nicht gleichzusetzen mit Extremsportarten, Fitnesstraining oder Überlebenstraining. Im Zentrum der Erlebnispädagogik steht – auch wenn es um Risiko und Abenteuer geht – der pädagogische Grundgedanke des Lernens in einem Dreischritt: Vom Erleben über die Lernerfahrung zur Persönlichkeitsentwicklung. Die Erlebnispädagogik bietet dafür einen Schatz voller individueller Erfahrungsräume. Mit Gilsdorf und Kistner (Gilsdorf/Kistner 2001 und 2003 Scheiring 2010) können wir hier folgende Bereiche unterscheiden: Kennenlernspiele, Warming-up-Spiele, Wahrnehmungsspiele, Vertrauensspiele, Kooperationsspiele, Abenteueraktionen, Reflexionsspiele. Hinzu kommen erlebnispädagogische Settings außerhalb des Unterrichts wie Höhlenbegehungen, Seilgärten, Touren etc. Ein ideales Erfahrungsfeld ist auch das „Internationale Jugendprogramm“ (Vgl. www. Jugendprogramm.de), das sich in direkter Tradition mit Kurt Hahns Erlebnistherapie sieht. Dort werden in den Bereichen „Dienst“, „Expedition“, „Talente“ und „Fitness“ Lernprozesse auf drei Altersstufen ermöglicht. Es ist für alle Schularten einsetzbar.
2 Das Erlebnis als Beginn des Lernens durch Herausforderung
Das Erlebnis in den Mittelpunkt einer pädagogischen Methode zu stellen, ist aus einer tradierten, aber immer wieder neu aktualisierten und formulierten, Schulkritik entstanden. Hauptkritikpunkt war – und ist – die einseitig kognitive Ausrichtung von Schule. Dadurch werde der Mensch zwar urteilsfähig, aber nicht handlungsfähig. Die Schule leide an Erlebnisarmut – so der Hauptvorwurf. Doch nicht nur die Schule: Man spricht von Erlebnisarmut einer reglementierten und durchorganisierten Welt. Diese kritische Sichtweise wird aus zwei Perspektiven so formuliert, deren Argumente auf einer gemeinsamen Ebene kristallisieren. Zum einen die immer neu formulierte Perspektive großer Pädagogen und heutiger Experten und zum anderen die Perspektive der Schüler und Jugendlichen selbst (Vgl. Scheiring 2011) – wenn man sie denn ernst nimmt und zu Wort kommen lässt.
Doch was zeichnet das Erlebnis aus, welche Aspekte und Elemente gehören zum Erlebnis? Ich möchte den Erlebnisbegriff mit fünf zentralen Begriffen beschreiben (Vgl. dazu auch: Heckmair./Michl 2008):
1. Subjektivität. Ein Erlebnis kann nicht objektiv beschrieben werden. Jede Person nimmt ein Erlebnis individuell und subjektiv wahr. Eine Situation, eine Sachlage lässt sich (näherungsweise) objektiv beschreiben. Im Erlebnis bekommt die Situation jedoch eine subjektive Sinngebung, einen Bedeutungszusammenhang. Die subjektive Sinngebung ist von der eigenen Biografie, den eigenen Erfahrungen und Erinnerungen genauso abhängig wie von der eigenen Erlebnisfähigkeit. Infolgedessen ist das Erlebnis auch nicht planbar, sondern lediglich die Situation, die Gelegenheit dazu. In der Subjektivität werden zwei Wahrnehmungsformen evident, die man als Haben und Sein bezeichnen kann. Erlebender sein und ein Erlebnis haben sind zwei Pole derselben Sache: Einmal mittendrin, ohne Absicht und Wertung – gewissermaßen im „Flow“ und dann mit etwas Abstand dessen gewahr werdend, was passiert und gleichzeitig Bedeutung zuschreibend. Das Sein wird in der zeitlichen Struktur des Erlebnisses zum Haben.
2. Intensität. Mit Intensität ist das Außergewöhnliche im Erlebnis gemeint – das außerhalb des Gewöhnlichen Liegenden, das, was es von anderen Ereignissen hervorhebt und für den Erlebenden prägend macht. Es ist der vom Erlebenden eingeschätzte und erlebte Stärke-Wert auf einer fiktiven Skala. Wobei es keine lineare Zuordnung gibt: Während für den Einen das Balancieren auf der Slackline Routine und normale Übung ist, zittern dem Anderen bereits bei der Vorstellung die Knie. Es geht also auch hier nicht um die absolute Intensität, sondern um die subjektiv erlebte Intensität.
3. Aktivität. Ein Erlebnis ist ein aktives, unmittelbares Geschehen. Es hat einen hohen Aktivitätsanteil. Eine nur rezeptive Situation ist kein Erlebnis. Für den Moment der Aktivität gibt es aber kein Schwarz-Weiß-Denken, keine Zweiteilung in Passiv oder Aktiv. Es ist, wie die Intensität, als Kontinuum zu sehen. Es geht um eine optimale subjektive Ausgestaltung der – für manche Menschen eingeschränkten – Aktivität.
4. Affektivität. Das Erlebnis geht über das Kognitive hinaus und ergreift den Erlebenden auch auf affektiv-emotionaler Ebene. Es geht um Stimmung, Emotion, Motivation. Erlebnisse haben immer mit Emotionen zu tun: Angst, Nervenkitzel, Begeisterung, Ergriffenheit, Enttäuschung, Wut, Triumph, Freude.
5. Spannung: Damit ist der Anreizcharakter einer Situation oder eines Ereignisses gemeint. Es ist das Überraschende, das Neue, das Fremde und nicht hundertprozentig Kalkulierbare, was den Spannungsbogen ausmacht. Es ist die Gefahr, die Ungewissheit, das nicht vorhersehbare Ende. Und trotzdem möchte man sie bewältigen, die unvorhersehbare Situation. Hier spielen sich die klassischen Heldengeschichten ab: Es geht um das Bestehen von herausfordernden, aber subjektiv bewältigbaren Situationen.
3 Lernprozesse in der Erlebnispädagogik
Erlebnispädagogische Lernmodelle werden häufig kritisiert: Erleben und Lernen lassen sich schwerlich oder gar nicht verknüpfen. Jedoch hat sich in der Erlebnispädagogik ein Modell durchgesetzt, das die Verknüpfung von Erleben und Lernen in der sog. E-Kette (Michl 2009) herstellt: Aus Ereignissen werden Erlebnisse, wenn sich diese als solche im oben beschriebenen Sinne herausheben und vom Schüler als solche erlebt werden. Aus Erlebnissen werden Erfahrungen und diese – durch Reflexionsprozesse – zu Erkenntnissen. Schüler in diesem Prozess zu unterstützen, ist die zentrale pädagogische Aufgabe, die mit folgenden Punkten näher beschrieben werden kann:
- Persönlichkeitsentwicklung wird durch eigene (Grenz-)Erfahrungen ermöglicht. Hierbei werden durch möglichst selbst gesteckte Ziele individuelle Lernprozesse in Gang gesetzt. Die Ziele sind zwar herausfordernd, aber nicht unüberwindbar: Sie sind in einem Korridor zwischen Unterforderung und Überforderung lokalisiert, erscheinen für den Handelnden machbar, verstehbar, sinnhaft und bewältigbar. Sie ermöglichen Erfolg und vermitteln ein Kohärenzgefühl, das den Schülern in schwierigen Situationen die erforderlichen Widerstandsressourcen gibt. Fasst man die erreichten Ziele als bestandene Prüfungen auf, so können diese Lernprozesse als Heldengeschichten beschrieben werden. Die „Heldenreise“ beginnt mit dem Ruf des Abenteuers (call to adventure), geht über Hindernisse und Prüfungen zur eigentlichen Helden-Handlung, um damit schließlich die Rückkehr zur Oberwelt zu ermöglichen (Vgl. Mittermaier 2009). „Helden sind gesünder“ – so der Titel einer Untersuchung zum salutogenetischen Ansatz (Vgl. Mittermaier 2003). In einer Studie zur Frage nach den wichtigsten Kompetenzen beim Übergang in den Beruf spielen gerade Kompetenzen, die der Kategorie Persönlichkeit zugeordnet werden können, eine große Rolle (Vgl. Die Kompetenzstudie auf bildungscent.de). Zu ähnlichen Ergebnissen kommt eine Studie der Pädagogischen Hochschule Ludwigsburg: Soziale und personale Kompetenzen haben bei Bewerbungssituationen von Schulabgängern einen bemerkenswert hohen Stellenwert (Frick 2009).
- Soziales Lernen steht im Vordergrund. In beiden angeführten Studien spielen die sozialen Kompetenzen in den Köpfen von Personalplanern eine besonders große Rolle. Die Übernahme von sozialer Verantwortung und das Herausbilden einer echten (Klassen-)Gemeinschaft sind wesentliche Ziele der Erlebnispädagogik. Möglichst hohe, aber pädagogisch verantwortbare Gruppensteuerung und Selbstverantwortung in Situationen mit Realitätscharakter kennzeichnen die Lernarrangements
- Vielfältige Herausforderungen (bewegungsorientierte, soziale, musisch-kreative, kognitive, organisatorische Aktivitäten) ermöglichen den Teilnehmern Lernprozesse, bei denen sie stets an eigene Grenzen geraten (Vgl. Reiners 1995).
- Im Mittelpunkt steht der Schüler und dessen Beziehung zum Erlebnis. Obwohl nicht wenige Pädagogen der Versuchung nahe stehen, Schülerinnen und Schülern möglichst intensive und prägende Erlebnisse zu verschaffen, um deren Persönlichkeit nachhaltig zu prägen, muss aufgrund der skizzierten Punkte diese Sichtweise relativiert werden. Erlebnisse werden nicht durch die Häufigkeit und Intensität zu solchen, sondern wenn sie als Erlebnisse vom Subjekt so erlebt werden. Es ist die Reflexivität, die somit zum Kernpunkt der pädagogischen Arbeit wird. Erst wenn sich das Subjekt des Erlebnisses gewahr wird, sich des Erlebnisses bewusst wird, beginnt der Prozess der Persönlichkeitsbildung. Für die Erziehung bedeutet dies, dass es nicht darauf ankommt, „große“ Erlebnisse zu vermitteln, sondern dass der Schüler und seine Lebenswelt, der Schüler und sein Reflexionsvermögen, der Schüler und sein Wissen, der Schüler und sein Können, der Schüler und seine Biografie im Mittelpunkt stehen müssen. Gerade die Orientierung am Vorwissen und an den Vorerfahrungen der Schüler ist von elementarer Bedeutung. Wahl spricht hier vom „Matthäus-Effekt“ (Wahl 2006). Vorwissen beeinflusst zu mindestens 50 % den Lernerfolg, während der Faktor Intelligenz nur mit einem Achtel zu Buche schlägt. Die Korrelation zwischen Vorwisssen und Lernerfolg liegt zwischen 0.5 und 0.7 (Mandl/Friedrich 2006)
4 Reflexions- und Transfermodelle
Die Reflexion der Erlebnisse in der Gruppe gilt als zentrales Kennzeichen erlebnispädagogischer Interventionen. Aktion (im Sinne von Handlung) und Reflexion stehen in einem dynamischen Wechselspiel. Wir unterscheiden drei Reflexionsmodelle:
- “The mountains speak for themselves”-Modell
- “Outward-Bound-plus”-Modell
- “Metaphorisches” Modell
Während beim ersten Modell die Reflexionsprozesse aus der Erlebnissituation introspektiv ablaufen und keiner weiteren Anleitung bedürfen, steht im zweiten Modell die aktive Reflexion mit verschiedenen Methoden im Mittelpunkt. Im metaphorischen Modell ersetzt eine minutiöse Planung – ja Inszenierung – der Situationen die Reflexion. Reflexion geschieht, wie im ersten Modell, introspektiv, jedoch ist sie durch den Erlebnispädagogen präzise vorgeplant.
Schwierigste und anspruchsvollste Phase der Erlebnispädagogik ist der Transfer des Gelernten in den Alltag. Gleichzeitig entzündet sich an dieser Phase auch die Hauptkritik. Wie können ausgelagerte oder außergewöhnliche Situationen im oder für den Alltag genutzt werden. Der Weg dorthin ist viel zu groß und unüberwindbar. In der Erlebnispädagogik haben sich für den Transfer drei Modelle herausgebildet:
- Spezifischer Transfer: Übertragung des Gelernten auf „ähnliche“ Situationen.
- Fachübergreifender Transfer: Übertragung des Gelernten auf allgemeine und generalisierte Situationen.
- Metaphorischer Transfer: Übertragung des Gelernten durch eingesetzte Metaphern.
Erlebnispädagogik kann kompensatorische Wirkung haben, erschöpft sich aber nicht darin. Gleichzeitig möchte ich eine klare Absage an einen „blinden Aktionismus“ erteilen. Es geht um einen sorgfältigen Umgang mit erlebnispädagogischen Elementen und um deren Reflexion. Erlebnispädagogik kann nicht als gültiges Raster über alle Unterrichts- und Schulformen gelegt werden. Sie kann unglaublich bereichern, wenn Klarheit über das Ziel der Unternehmungen herrscht.
5 Literatur
Frick, Rafael u.a. 2009: Qualifikation für Duale Ausbildung. Ludwigsburg
Gilsdorf, Rüdiger/Kistner, Gerhard 2001 und 2003: Kooperative Abenteuerspiele. 2 Bde. 12. Aufl. Seelze
Heckmair, Bernd./Michl, Werner 2008: Erleben und Lernen. Einführung in die Erlebnispädagogik. München
Mandl, Heinz/Friedrich, Helmut Felix 2006: Handbuch Lernstrategien. Göttingen
Michl, Werner 2009: Erlebnispädagogik. München
Mittermaier, Franz 2009: Neue Helden braucht das Land, Persönlichkeitsentwicklung und Heilung durch Rituelle Gestaltarbeit.
Mittermaier, Franz 2003: Untersuchung des salutogenen Effekts der Kurzzeitintervention „Die Heldenreise. Unveröffentlichtes Manuskript
Scheiring, Hermann 2011: Gesundheits- und Lebensthemen im Jugendalter. Was Jugendliche selbst davon halten. Stuttgart [in Vorbereitung]
Reiners, Annette 1995: Erlebnis und Pädagogik: praktische Erlebnispädagogik. Ziele, Didaktik, Methodik, Wirkungen. München
Wahl, Diethelm 2006: Lernumgebungen erfolgreich gestalten. Vom trägen Wissen zum kompetenten Handeln. Bad Heilbrunn
Die Kompetenzstudie 2004: Was Personalentscheider von Schulabgängerinnen und Schulabgängern erwarten. http://www.bildungscent.de/fileadmin/www.bildungscent.de/Studien/Kompetenzstudie.PDF Zugriff: 01.11.10