Bemerkungen zur Medienbildung
Samuel Gann
1. Was ist Medienbildung?
Medienpädagogik ist – wie die Gesundheitserziehung – ein vielschichtiges Unternehmen, das nicht als einheitliches Konzept beschrieben werden kann. Je nach Blickwinkel und Herkunft der Akteure haben sich historisch sehr unterschiedliche Betrachtungsweisen und damit auch medienpädagogische Konzepte entwickelt.
Kinder und Jugendliche vor dem schädlichen Einfluss der Medien zu schützen, war noch bis in die 60er Jahre hinein Ziel bewahrpädagogischer Ansätze. Sie basierten meist auf einer monokausalen und behavioristisch motivierten Auffassung von Medienwirkung. Eine Gegenentwicklung, die in den 60er Jahren aufkam, ging der Frage nach: „Was macht der Nutzer mit den Medien?“. Der Ansatz der “Uses and Gratifications” geht vom Konzept des freien Willens der Nutzer aus und untersucht Medienwirkungsprozesse primär unter dem Gesichtspunkt, welchen Nutzen der Rezipient aus der Medienrezeption zieht oder sich zumindest davon erhofft.
Anfang der 70er Jahre führte Dieter Baacke den Begriff der Medienkompetenz ein und unterteilte diesen später in vier Dimensionen, die es in der Medienpädagogik auszubilden gilt. Diese sind:
- Medienkunde
- Medienkritik
- Mediennutzung
- Mediengestaltung
Seine Auffassung zur Förderung der Medienkritik beinhaltet unter anderem die Reflexion der Wirkung medialer Darstellungen auf das eigene Denken und Handeln und knüpft damit an die Medienwirkung an. Die Dimension der Medienkunde beinhaltet die Kenntnis der Zusammenhänge in Mediensystemen und deren Funktionen. Die Mediengestaltung betrifft den kreativen Umgang mit den Medien und soll zur Eigenproduktion befähigen und somit zur Partizipation am Mediensystem auffordern. (vgl. Baacke 1999)
Baackes Medienkompetenzmodell wurde von anderen wissenschaftlichen Autoren weiterentwickelt und ausdifferenziert. So legt Schorb u. a. einen Schwerpunkt auf die kritische Reflexivität unter ethischen Aspekten, Groeben betont im Zusammenhang mit Medienkritikfähigkeit die Bedeutung der Unterscheidung zwischen Inhalt, Form und Kontext (vgl. Groeben 2002). Aufenanger setzt auf Handlungsorientierung, medialen Selbstausdruck und experimentelle Zugänge, die insbesondere die soziale Dimension medialer Darstellung in den Blick nehmen (vgl. Aufenanger 2003). Er kommt zu dem Schluss, dass nicht nur handwerkliche und kognitive Fähigkeiten, sondern auch politische, soziale und kommunikative Aspekte beachtet werden müssen und beschreibt kontrastierend zur Medienkompetenz, die auf der Ausbildung von unterschiedlichen Komponenten beruht, den Begriff der Medienbildung als Habitus oder Haltung gegenüber den Medien. Als gelungene Medienbildung bezeichnet er einen kompetenten Medienumgang, die Reflexion der eigenen Medienerfahrungen und eine angemessene Vorbereitung auf unbekannte Mediensituationen. Ein besonderes Augenmerk legt er auf die „moralische Dimension im Sinne einer Medienethik, eine sozial-politische Dimension hinsichtlich des Einflusses von Medien auf Kommunikation und Interaktion in der Gesellschaft, eine ästhetische sowie eine affektive Dimension“. (Aufenanger 1999, S. 76)
Ohne die Bewusstmachung der „Wechselwirkung von gesellschaftlichen, medialen und individuellen Einflussgrößen“ ist keine differenzierte und kritische und damit auch keine selbstkritische Beurteilung des eigenen Umgangs mit Medien und Medienangeboten möglich (vgl. Niesyto 2006, S. 55). Ein kritisch-reflexiver Ansatz fordert den Nutzer auf, die eigene Sichtweise und deren Entstehung kritisch zu hinterfragen und ist ein wichtiger Schritt zum emanzipierten Nutzer.
2. Potenziale der Medienarbeit in der Gesundheitserziehung
Ziel einer ganzheitlichen Gesundheitserziehung ist die Förderung eines verantwortungsvollen Umgangs mit sich selbst, mit anderen und mit der Umwelt. Der Aufbau eines gesunden Selbstbewusstseins, eine aktive Lebensgestaltung und die Persönlichkeitsbildung des Menschen sind wesentliche Elemente einer gesundheitsförderlichen Haltung. Diese Prozesse erfordern ein enges Zusammenspiel kognitiver und emotionaler Entwicklungen, die von zahlreichen Faktoren abhängig sind. So ist der Alltag von Kindern und Jugendlichen zum großen Teil von der Nutzung medialer Angebote geprägt. Medien tragen so auf verschiedenen Ebenen zur Konstruktion von Wissen, Wertvorstellungen, Fremd- und Selbstbildern bei. Doch sowohl das eigene Mediennutzungsverhalten als auch medial vermittelte Ideale stehen nicht immer im Einklang mit einer gesunden Entwicklung des Selbstbewusstseins und einer ausgewogenen Lebensführung.
Neben den oft diskutierten Risiken bieten Medien aber auch Potenziale, um aktive, kreative und selbstreflexive Lernprozesse im Sinne einer ganzheitlichen Gesundheitserziehung anzuregen. Das soziale Referenzsystem der Medien zu verstehen und selbstbestimmt zu nutzen heißt, Fähigkeiten zur Orientierung und Wertung zu entwickeln. Mediennutzung steht nicht in Konkurrenz zur Gesundheitserziehung, sondern sie schafft motivierende Anlässe für Schülerinnen und Schüler sich mit Themen der Gesundheit aktiv, kritisch und ergebnisorientiert auseinanderzusetzen. Dies geschieht innerhalb eines medienpädagogischen Rahmens, der im Folgenden anhand von vier Dimensionen abgesteckt wird.
3. Vier Dimensionen der Medienbildung in der Gesundheitserziehung
1. Wissensmanagement und Orientierung in der Informationsgesellschaft
Recherche- und Auswertungskompetenz sind zentrale Fähigkeiten zur Orientierung im „Informationsdschungel“. Sie bilden die Grundlage für reflexiv-kritische Wissensaneignung und wirken einer „Copy-and-Paste-Beliebigkeit“ entgegen. Die Schülerinnen und Schüler lernen beispielsweise, wo und wie Informationen im Netz abrufbar sind. Sie lernen, Kriterien für die differenzierte Auswahl und Bewertung von Informationsangeboten zu entwickeln, werten Daten zu Themen der Gesundheit aus und ziehen daraus Schlüsse über die Relevanz der Informationsangebote für ihr eigenes Leben.
2. Medien als Werkzeuge zur Dokumentation und Präsentation
Die Schülerinnen und Schüler erstellen Lernmaterialien zu gesundheitsrelevanten Themen. Das geschieht, indem sie ihre eigenen Lern- und Erkenntnisprozesse dokumentieren und so aufbereiten, dass das mediale Ergebnis selbsterklärend für andere ist. Ganz gleich ob es sich dabei um ein didaktisches Video, um eine Bilderserie oder um einen Audiopodcast handelt, die Jugendlichen sind im Rahmen des dokumentarischen Medieneinsatzes herausgefordert, ihr Wissen anschaulich, attraktiv und nachvollziehbar für andere zugänglich zu machen. Die dramaturgischen und ästhetischen Gestaltungsprinzipien der verschiedenen Medien sind ebenso zu berücksichtigen wie die korrekte Darstellung der Inhalte. Als Produzenten von Lernmedien übernehmen die Jugendlichen die Rolle von Lehrenden und damit auch Verantwortung für den Lernprozess.
3. Medienwirkung und Medienkritik
Reflexion der medial vermittelten Werte sowie der Menschen- und Weltbilder heißt, sich des Einflusses von Medienangeboten auf die persönliche Wahrnehmung und das eigene Denken bewusst zu werden. So tragen Medien u. a. entscheidend zur Entwicklung von Geschlechterrollen bei, sie vermitteln teilweise sogar einseitige Konzepte von Schönheit und Körperlichkeit. Die Sensibilisierung für den enormen Einfluss der Medien ist eine Voraussetzung für eine gesunde Entwicklung des Selbstbewusstseins. Die Jugendlichen benötigen dafür konkretes medienanalytisches Wissen, wozu auch formal-ästhetische und dramaturgische Kenntnisse zählen:
- Mit welchen Mitteln arbeitet die Werbung?
- Wie wird Spannung aufgebaut?
- Mit welchen gestalterischen Mitteln werden die Mediennutzer emotionalisiert?
4. Selbstwirksamkeit durch aktiv-kreative Mediengestaltung
Besonders produktionsorientierte Medienarbeit schafft Anreize, sich intensiv mit den ScienceKids-Themen auseinanderzusetzen. Während des Produktionsprozesses müssen ständig Entscheidungen getroffen werden, wodurch besonders über die psycho-sozialen Zugänge wertvolle Kommunikationsprozesse eingeleitet und eine vertiefende Auseinandersetzung mit den Themen angestoßen wird. Eigene Standpunkte müssen erarbeitet und formuliert sowie in der Gruppe artikuliert und verhandelt werden, um gemeinsam zu einer Aussage zu gelangen. Aktive Medienarbeit im Team ist erlebnisorientiert und macht Spaß. Sie fordert die Jugendlichen dazu auf, ihre eigene Position zu hinterfragen, sie aber auch in die öffentliche Diskussion einzubringen. Die Produktion für ein Publikum steigert das Empfinden von Selbstwirksamkeit und Teilhabe.
4. Fazit
Im Kontext von ScienceKids ist Medienarbeit nicht nur als motivierende Methode der Unterrichtsgestaltung zu sehen, sondern als stetige analytische und produktive Auseinandersetzung mit Medien als wichtigen Lerngegenstand zur Entwicklung einer geistigen und seelischen Gesundheit.
Die Materialien zur Medienarbeit
Detaillierte Vorschläge zur methodischen Umsetzung der Aufgaben und die dazu benötigten Unterrichtsmaterialien sowie erweiterte Projektvorschläge stehen Ihnen hier zum Download zur Verfügung. Hier finden Sie auch Hilfestellungen zur Arbeit mit der erforderlichen Software und Antworten auf ästhetische, dramaturgische und technische Fragestellungen.
Die produktionsorientierten Aufgaben sind zum großen Teil so angelegt, dass sie – je nach Vorerfahrung – mit einfachen Mitteln umgesetzt werden können, aber auch zur Planung größerer Projekte in erweiterten Kontexten einladen und Anknüpfungspunkte für fächerübergreifende Kooperationen bieten.
Die vorgeschlagenen Arbeitsblätter sind so konzipiert, dass sie den Lernprozess steuern. Sie bieten einen Rahmen zur Strukturierung komplexer Aufgabenstellungen, bündeln die Aufmerksamkeit auf Teilaspekte der Fragestellung und lassen dabei möglichst viel Raum für die eigene Ausgestaltung.
Zu jedem Lebensthema finden Sie in den Materialien auch Medientipps, die unterstützend zur Klärung von Sachverhalten beitragen, aber auch eine kritische Auseinandersetzung mit dem jeweiligen Thema fördern und zu Diskussionen über mediale Botschaften anregen sollen – aus der Perspektive des Rezipienten ebenso wie aus der des Produzenten.
5. Literatur
Aufenanger, Stefan: Medienkompetenz oder Medienbildung?. In: Bertelsmann Briefe, Heft 142, 1999.
Aufenanger, Stefan: Medienkompetenz und Medienbildung. In: ajs-Informationen 1, 2003.
Baacke, Dieter: „Medienkompetenz – Begrifflichkeit und sozialer Wandel“. In: von Rein, Antje (Hrsg.): Medienkompetenz als Schlüsselbegriff. Bad Heilbrunn: Klinkhardt 1996.
Groeben, Norbert: Dimensionen der Medienkompetenz: Deskriptive und normative Aspekte. In: Groeben, Norbert; Bettina Hurrelmann (Hrsg.). Medienkompetenz. Voraussetzungen, Dimensionen, Funktionen. Weinheim: Juventa 2002.
Niesyto, Horst: Medienkritik und Mediensozialisation. In: Niesyto, Horst; Matthias Rath; Hubert Sowa (Hrsg.): Medienkritik heute. München: kopaed 2006.